Das Kreuz offen tragen

Franz von Assisi

Bruder aller Geschöpfe

Franz von Assisi (1181/82–1226) war ein radikaler Reformer – kein Prediger der Strenge, sondern der Einfachheit und Güte. Geboren als Sohn eines reichen Tuchhändlers, wuchs er im Überfluss auf. Doch ein innerer Bruch führte ihn zur Umkehr: Er verzichtete auf Besitz, lebte unter den Armen und predigte ein Leben in Armut, Demut und Versöhnung mit der ganzen Schöpfung.

Seine Beziehung zur Natur war nicht sentimental, sondern zutiefst theologisch. Für Franz war jedes Geschöpf – ob Mensch, Tier oder Element – ein Bruder oder eine Schwester. In seinem berühmten Sonnengesang ruft er Sonne, Mond, Wasser und Feuer als Mitgeschöpfe an, die mit dem Menschen gemeinsam Gott loben:
„Gelobt seist du, mein Herr, durch Bruder Sonne, / durch Schwester Mond, durch Bruder Wind, / durch Mutter Erde, die uns ernährt und vielfältige Früchte hervorbringt.“
(Cantico delle Creature, ca. 1224)

Diese Sicht war revolutionär – in einer Zeit, in der Natur oft nur als Bedrohung oder Ressource wahrgenommen wurde. Für Franz war alles Leben heilig. Auch Würmer hob er auf, damit sie nicht zertreten wurden. Dass Tiere eine Seele hätten, sagte er nicht explizit, aber seine Haltung war geprägt von einer Nähe, die über das bloß Nützliche hinausging.

Die Geschichte vom Wolf von Gubbio

Eine der eindrücklichsten Legenden berichtet von einem Wolf, der die Stadt Gubbio heimsuchte. Niemand wagte sich mehr vor die Tore. Franz aber ging dem Tier entgegen. Er sprach mit ihm, segnete es, und das wilde Tier legte sich zu seinen Füßen. Er sprach auch mit den Bürgern und vermittelte zwischen beiden: Der Wolf gelobte, niemandem mehr Schaden zuzufügen, wenn er versorgt würde. Von da an lebte er friedlich unter den Menschen, wie ein brüderlicher Gast.

Diese Geschichte ist keine bloße Tierfabel. Sie zeigt, wie Franz auch im „Feind“ – im Räuber, im Tier, im Fremden – das Geschöpf Gottes sah. Sie steht für seine tiefe Überzeugung, dass Frieden nicht durch Unterwerfung, sondern durch Verständigung entsteht. (Quelle: Fioretti di San Francesco, Kap. 21)

Prophet des Lebens

Franz von Assisi ist kein Romantiker, sondern ein prophetischer Mahner. Seine Haltung zur Schöpfung ist keine Flucht ins Idyll, sondern Ausdruck eines umfassenden Glaubens. Alles Leben kommt von Gott und verdient deshalb Ehrfurcht.

Diese Haltung hat Papst Franziskus 2015 in der Enzyklika Laudato si’ aufgegriffen – benannt nach dem Eröffnungssatz des Sonnengesangs. Dort heißt es:
„Franziskus war ein Mystiker und Pilger, der in der Schöpfung eine Botschaft sah.“ (Laudato si’, Nr. 11)

Er ist Patron der Umwelt, der Tiere, Italiens – und in gewissem Sinn auch derer, die das verloren gegangene Staunen über das Leben wiederfinden wollen.

Franz von Assisi lebte das Evangelium mit jedem Atemzug – ohne Kompromisse. Er starb am 3. Oktober 1226, nackt auf bloßer Erde, wie er es sich gewünscht hatte. Zwei Jahre später wurde er heiliggesprochen.

Weiterführende Quellen

  • Fioretti di San Francesco, Kap. 21 (Wolf von Gubbio)
  • Enzyklika Laudato si’ von Papst Franziskus, 2015
  • G. K. Chesterton: Franz von Assisi (1923)
  • Benedikt XVI.: Jesus von Nazareth – Band 3, Abschnitt zu Franziskus
„Gelobst seist Du, mein Herr, durch Bruder Sonne / durch Schwester Mond, durch Bruder Wind"" – Franz v. Assisi in "Cantico delle Creature"
  • Geboren: 1181 oder 1182 in Assisi
  • Gestorben: 3. Oktober 1226 in Assisi
  • Heiligsprechung: 16. Juli 1228 durch Gregor IX.
  • Gründer: Franziskanerorden (OFM)
  • Patron: der Tiere, der Umwelt, Italiens, der Armen
  • Festtag: 4. Oktober
 
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