Das Kreuz offen tragen

Galileo Galilei

Der lange Schatten des Simplicius

Der Vorwurf hält sich hartnäckig: Die Kirche habe die Wahrheit unterdrückt, Galileo Galilei mundtot gemacht und sei am Tod des großen Forschers mitschuldig. Doch wer genauer hinschaut, erkennt: Der Fall ist komplexer – und zeigt nicht nur die Fehlbarkeit von Institutionen, sondern auch die Reibungsflächen zwischen wissenschaftlicher Neugier, persönlichem Stolz und kirchlicher Autorität.

Schon in der Antike gab es erste Ideen eines sonnennahen Universums. Aristarch von Samos (3. Jh. v. Chr.) etwa entwickelte ein Modell, in dem sich die Erde um die Sonne dreht. Doch es setzte sich nicht durch: Das geozentrische Weltbild des Aristoteles und später das ausgeklügelte System des Ptolemäus galten über Jahrhunderte als wissenschaftlicher Konsens – auch in der Kirche, aber nicht von ihr erfunden. Sie übernahm dieses Weltbild schlicht, weil es als vernünftig und bewährt galt.

Erst Nikolaus Kopernikus wagte im 16. Jahrhundert einen Neubeginn: Nicht die Erde, sondern die Sonne stehe im Zentrum. Galileo Galilei griff diese Theorie im 17. Jahrhundert auf und bestätigte sie mit neuen Beobachtungen durch das Fernrohr – etwa den Monden des Jupiters oder den Phasen der Venus.

Doch die Konflikte begannen nicht mit den Fakten. Galileis Stil war scharfzüngig, provokant, teils spöttisch. Er schrieb nicht nur als Wissenschaftler, sondern als öffentlicher Intellektueller mit Hang zur Satire. Als er 1632 seinen „Dialog über die zwei Weltsysteme“ veröffentlichte, ließ er drei Figuren diskutieren: Salviati (die Stimme der Vernunft), Sagredo (der Fragende) – und Simplicius, den einfältigen Verteidiger des alten Weltbilds. Es war ein Schlag mit spitzer Feder: „Simplicius“ galt vielen als Karikatur – und wurde als versteckte Anspielung auf Papst Urban VIII. verstanden, der kurz zuvor noch Galileis Gönner gewesen war.

Der folgende Prozess 1633 war formal ein Inquisitionsverfahren, das in der römischen Kirche üblich war, wenn ein öffentlich wahrgenommener Bruch mit der Lehre stattfand. Galilei wurde vorgeladen, reiste trotz Krankheit nach Rom. Ein eigener Verteidiger stand ihm nicht zu – das Verfahren sah keinen Anwalt im modernen Sinn vor. Stattdessen verfasste Galilei eine schriftliche Stellungnahme, in der er versuchte, sein Werk als theoretischen Diskurs darzustellen. Die Inquisitoren werteten das als Schutzbehauptung. Ihm wurde zur Last gelegt, gegen ein ausdrückliches Verbot von 1616 verstoßen zu haben, das heliozentrische Modell als bewiesene Wahrheit zu vertreten.

Der entscheidende Punkt des Verfahrens war jedoch nicht die astronomische Wahrheit, sondern der Ungehorsam. Galilei hatte sich öffentlich über ein päpstliches Urteil hinweggesetzt. In einer Zeit, in der der Protestantismus die Autorität Roms herausforderte und jede innerkatholische Uneinigkeit gefährlich werden konnte, galt Ungehorsam als gefährlicher als Irrtum.

Nach wochenlangen Verhören wurde Galilei zur Unterwerfung gedrängt. Am 22. Juni 1633 kniete er öffentlich nieder und widerrief:

„Ich, Galileo Galilei, im siebzigsten Lebensjahr, […] schwöre, fluche und verabscheue den Irrtum und die Ketzerei des heliozentrischen Weltbildes […].“

Dieser Eid war nicht freiwillig. Er war die einzige Alternative zu härteren Strafen. Galilei war alt, gesundheitlich geschwächt – und wusste, was mit Unbeugsamen wie Giordano Bruno passiert war. Der berühmte Satz „Und sie bewegt sich doch“ (E pur si muove) wurde ihm später angedichtet – ein poetischer Trost für ein geistiges Kniebeugen, das er sich abverlangen ließ, um weiterleben zu dürfen.

Galilei wurde zu unbefristetem Hausarrest verurteilt, den er größtenteils in Arcetri bei Florenz verbrachte. Er durfte weiter schreiben, empfing Besucher und arbeitete bis zuletzt wissenschaftlich.

Beteiligte am Galilei-Prozess

  • Galileo Galilei – Naturforscher, Angeklagter
  • Papst Urban VIII. – Früherer Freund, später Hauptgegner
  • Kardinal Francesco Barberini – Vorsitz im Inquisitionstribunal
  • Maculano da Firenzuola – Dominikaner, leitete das Verfahren
  • Robert Bellarmin – Kardinal, ermahnte Galilei 1616 († 1621)
  • Giovanni Ciampoli – Papstsekretär, galilei-freundlich, später entlassen
  • Juristische Verteidigung: Kein Anwalt im heutigen Sinne, nur kirchlicher Beistand
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