Orthodoxie als Staatskirche
Ursprung des „Dritten Rom“ – von Byzanz nach Moskau
Mit dem Fall Konstantinopels 1453 zerbrach die letzte Bastion des Oströmischen Reiches – und mit ihr, so jedenfalls der Eindruck aus russischer Perspektive, auch das zentrale Machtzentrum der byzantinischen Orthodoxie. Doch die religiöse und kulturelle Verbindung Russlands zur Orthodoxie reicht viel weiter zurück: Bereits im 9. Jahrhundert hatte die byzantinische Mission unter den Mönchsbrüdern Kyrill und Methodios die slawischen Völker erreicht. Besonders prägend wurde dann die Taufe des Kiewer Großfürsten Wladimir im Jahr 988, der das Christentum byzantinischer Prägung annahm und damit den Grundstein für eine ostslawische Kirche legte, die sich bewusst an Konstantinopel orientierte.
Orientierung an Konstantinopel
Diese Verbindung war nicht nur spiritueller Natur, sondern auch liturgisch, kanonisch und kulturell eng mit Byzanz verwoben. Die russische Kirche verstand sich lange Zeit als Tochterkirche des Patriarchats von Konstantinopel – sie übernahm die byzantinische Liturgie, das Mönchtum, das Kirchenrecht und das Selbstverständnis der Orthodoxie als Bewahrerin der wahren Lehre.
Als dann 1453 die „Mutterkirche“ in Trümmern lag, empfanden sich viele im Moskauer Reich nicht nur als Erben des Byzantinischen Reiches, sondern auch als neue Hüter der reinen orthodoxen Lehre – unberührt von den „Irrungen“ des Westens oder den Niederlagen des Ostens. Diese Vorstellung mündete in die Idee vom „Dritten Rom“: Rom sei gefallen, Konstantinopel ebenso – nun stehe nur noch Moskau aufrecht.
Als dann der Großfürst Iwans III. von Moskau mit Sophia (Zoe) Palaiologina, einer Nichte des letzten byzantinischen Kaisers Konstantin XI., am 12. November 1472 die Ehe einging, verband sich das aufstrebende Großfürstentum endgültig mit der kaiserlichen Tradition des alten Oströmischen Reiches. Die Großfürsten und später die russischen Zaren sahen sich nun nicht nur als politisches Oberhaupt, sondern als rechtmäßiger Erbe des christlichen Ostens – als Beschützer des Glaubens in einer feindlich gewordenen Welt.
Das Dritte Rom
Die Vorstellung, dass Moskau das geistliche und weltliche Zentrum des wahren Christentums geworden sei, fand bald Ausdruck in einer neuen Formel: „Zwei Rom sind gefallen, das dritte steht – und ein viertes wird es nicht geben.“ Dieser Satz wird dem Mönch Philotheus von Pskow zugeschrieben, der um 1510 diese Idee schriftlich formulierte. Moskau sei nun das neue, das Dritte Rom – das letzte Bollwerk der Wahrheit.
Dabei ging es nicht nur um imperiale Symbolik: Moskau beanspruchte eine geistliche Berufung. Der Zar war nicht „Papst“, wohl aber Katechon – derjenige, der laut 2 Thess 2,6–7 das Auftreten des Bösen noch zurückhält. In dieser Rolle als „Aufhalter“ galt er als Garant der göttlichen Ordnung. Die Kirche wurde dabei nicht als Gegengewicht zum Staat verstanden, sondern als dessen geistliche Mitte.
Diese Symphonia – das harmonische Miteinander von weltlicher und geistlicher Macht – blieb auch nach dem Untergang Byzanz’ das prägende Ideal. Doch unter Peter dem Großen (reg. 1682–1725) änderte sich das Machtgefüge deutlich: Der Zar setzte das Patriarchat ab und ersetzte es 1721 durch den Heiligsten Regierenden Synod, ein staatlich kontrolliertes Gremium. Diese synodale Kirchenverfassung schwächte die Autonomie der Kirche erheblich – aber nie vollständig.
Gleichzeitig durchdrangen westlich-säkulare Elemente das Denken und Handeln des russischen Staates: Peter holte Berater aus Westeuropa, reformierte das Bildungswesen nach rationalistischen, teilweise sogar aufklärerischen Prinzipien und verlangte eine strikte Unterordnung der Kirche unter den Staat. Geistliche wurden zu Staatsbeamten degradiert, das Beichtgeheimnis wurde aufgehoben – Priester durften der Polizei keine während der Beichte gewonnenen Informationen verschweigen. Auch die äußere Erscheinung der Kirche wurde verändert: Prunkvolle Barockbauten im westlichen Stil ersetzten vielerorts die asketisch-byzantinische Ästhetik. Die orthodoxe Kirche wurde mehr und mehr zu einem Instrument der staatlichen Ordnung – eine Entwicklung, die viele Gläubige innerlich fremdelnd betrachteten.
Katechon - der Zurückhalter des Bösen
Dennoch blieb die Vorstellung vom Zaren als religiösem Garant tief im Denken vieler Russen verankert – als eine Art Katechon, der das Auftreten des Bösen zurückhält (vgl. 2 Thess 2,6–7). Auch wenn sich Russland mit dem Absolutismus dem Westen annäherte, wurde Moskau weiterhin als letzter Hüter der göttlichen Ordnung gesehen – in einer Welt, die als zunehmend gottlos empfunden wurde.
Begriff erklärt: Der Katechon
Der Begriff Katechon stammt aus dem 2. Thessalonicherbrief (2,6–7) und bezeichnet eine aufhaltende Macht, die das Kommen des Bösen in die Welt verzögert. In der christlichen Auslegung wird der Katechon teils als Institution (z. B. das Reich, die Kirche), teils als Person (etwa ein Monarch) verstanden, der das Chaos und die Anarchie zurückhält.
In der russisch-orthodoxen Tradition wurde dieses Motiv auf den Zaren übertragen – später auch auf die russische Nation selbst, als letzte Bastion gegen den moralischen Verfall. Immer stärker im Sinne "moralischer Verfall des Westens". Patriarch Kyrill greift diese Vorstellung in politischen und geistlichen Reden bis heute auf.
Die Russisch-Orthodoxe Kirche als Hüterin der Wahrheit und des Volkes
In der Vorstellung der Orthodoxie ist die Kirche nicht nur religiöse Institution, sondern eine Art geistige Arche: Sie bewahrt das Heilige, das Wahre, das Ewige – selbst dann, wenn die materielle und politische Welt in Trümmern liegt. Während der Westen die Kirche oft als gesellschaftlichen Akteur neben anderen begreift, sieht man sie im orthodoxen Raum als identitätsstiftende Macht: Sie ist mystisch, volksnah und geschichtsprägend zugleich.
In allen Kirchen der Orthodoxie - vor allem aber in der russischen – wurzelt das Selbstverständnis tief in einem Bild der Kirche als bewahrende Mutter: Sie trägt die Gläubigen durch Not und Krieg, sie lehrt Geduld, Demut und das Durchhalten im Leid. In dieser Sichtweise ist die Kirche nicht primär Reformerin oder Mahnerin, sondern vor allem Trösterin und Erhalterin – ein geistliches Zuhause, das Gebet, Liturgie und Tradition in den Mittelpunkt stellt.
Wandel ist Gefahr, nicht Tugend
Aktuelle politische Spannungen belasten das Selbstverständnis der Orthodoxie schwer. Zwar ist sie – durch das synodale System – seit alters her damit vertraut, Regionen und Bevölkerungsgruppen eine gewisse Autonomie zuzugestehen. Abspaltungen jedoch, gar ein feindliches Gegeneinander, könnten Herausforderungen mit sich bringen, wie sie einst die Reformation im vormals katholischen Glaubensraum stellten.
Unbeschaded aktueller Spannungen sieht sich die Orthodoxie – vor allem die russische – im Gegensatz zu westlichen Kirchen mit ihren endlosen gesellschaftlichen Debatten zu Moral, Ethik oder Politik in erster Linie als Bewahrerin des Überlieferten. Dogmen sind nicht zur Diskussion freigegeben, sondern heilige Konstanten. Wandel ist keine Tugend, sondern Gefahr. Und in einer sich schnell verändernden Welt steht die Kirche gerade deshalb in hohem Ansehen – weil sie nicht wankt.
Gerade im 20. Jahrhundert hat sich dieses Selbstverständnis noch einmal tief eingebrannt: Während das sowjetische Regime systematisch versuchte, Religion zu unterdrücken, überlebte die Kirche im Untergrund, durch Klöster, durch das einfache Volk – und oft auch durch stille Kompromisse mit dem Staat. Sie wurde zum Symbol des inneren Widerstands – nicht durch Protest, sondern durch Beharrlichkeit.
Viele Gläubige empfinden ihre Kirche bis heute nicht als äußere Instanz, sondern als Teil ihrer selbst – als etwas, das durch Generationen weitergegeben wurde, mit Ikonen, Festen, Fastenzeiten und einem Glaubensstil, dank dessen jede alltägliche Handlung zu einer Begegnung mit dem Göttlichen werden kann. Das Profane wird durchdrungen vom Heiligen, ein Mystizismus des Täglichen. In der orthodoxen Frömmigkeit steht weniger das Erkennen und Verinnerlichen von Glaubenslehren im Vordergrund – wie sie im Westen oft betont werden – sondern vielmehr die Einbindung in ein über Jahrhunderte gewachsenes, symbol- und ritualreiches Glaubensleben. Ikonen, Liturgie, Kirchenfeste und das persönliche Gebet prägen eine Spiritualität, die stark vom Erleben und der Tiefe des Herzens ausgeht. Nicht der Verstand prägt den Glauben, sondern der treue Vollzug des Glaubens.
Nähe des Katholizismus' zur Orthodoxie
'Vermutlich deshalb betonte der verstorbene Papst Benedikt XVI. die besondere Nähe zwischen Katholiszimus und Orthodoxie und die Ferne zu seinen kopfgesteuerten und sich anbiedernden westlichen Abweichungen.
Diese orthodoxe „Nähe im Volk“, dieses „im Volk sein“ und nicht „neben oder über ihm“ erklärt auch, warum die Kirche nicht einfach als Anhängsel der Macht gesehen wird – selbst wenn sie eng mit dem Herrscher verbunden erscheint. Für viele ist sie vielmehr geistliche Matriarchin, die neben dem starken Vater Staat für seelische Ordnung sorgt. Diese Rollenverteilung ist kulturell gewachsen und blieb durch die Jahrhunderte hindurch stabil – hindurch durch Zarenherrschaft, kommunistische Diktatur und postsowjetisches Chaos.
In dieser tiefen Verflechtung von Glauben, Alltag und nationaler Identität sieht sich die Russisch-Orthodoxe Kirche bis heute als Hüterin der Wahrheit und des Volkes – nicht durch Abgrenzung, sondern durch Durchdringung. Sie will nicht "gestalten", sondern bewahren. Und gerade darin liegt ihre Wirkmacht.
Zwischen Wiederaufstieg und politischer Verflechtung – Die Russisch-Orthodoxe Kirche seit 1991
Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 begann für die Russisch-Orthodoxe Kirche eine dramatische Renaissance. Jahrzehntelang hatte der atheistische Staat die Kirche unterdrückt, ihre Strukturen zerschlagen, ihre Bischöfe verfolgt und den Glauben in den Untergrund gedrängt. Nun strömten die Menschen zurück in die Gotteshäuser – viele neugierig, viele voller Sehnsucht nach spiritueller Orientierung inmitten des postsowjetischen Chaos.
Von den rund 1.600 Kirchenbauten, die in den frühen 1990er Jahren noch existierten, stieg die Zahl binnen weniger Jahre auf mehrere Tausend. Neue Gemeinden, Klöster und Seminare wurden gegründet – häufig mit großzügiger Unterstützung von Oligarchen, die in der Nähe zur Kirche eine Form moralischer Legitimation suchten.
Zwar hatten offiziell 18 Klöster die Sowjetzeit überlebt, doch nur eine Handvoll konnte in dieser Zeit ihren geistlichen Auftrag wirklich leben – der Rest war oft bloße Fassade für ausländische Besucher. Umso stärker war die symbolische Kraft der Rückkehr zu alter Pracht. Ein besonders bedeutsamer Moment war die feierliche Beisetzung der Zarenfamilie Romanow im Juli 1998 in der Peter-und-Paul-Kathedrale in St. Petersburg. Sie wurde von einem Staatsakt begleitet, an dem unter anderem Präsident Boris Jelzin, Vertreter der Regierung und hochrangige Geistliche teilnahmen. Jelzin selbst hielt eine Ansprache, in der er das Massaker von 1918 als „eine der beschämendsten Seiten unserer Geschichte“ bezeichnete – ein symbolischer Akt der nationalen Reue.
Die Kirche als moralische Rückversicherung.
Halt in Umbruchphasen
In der gesellschaftlichen Umbruchphase der 1990er Jahre erschien die Russisch-Orthodoxe Kirche vielen als moralisches Gegengewicht zu Liberalismus, Materialismus und Orientierungslosigkeit. Besonders Präsident Wladimir Putin erkannte ab 2000 die Integrationskraft der Kirche für eine neue nationale Identität. Eine Allianz, die – wie im byzantinischen Siegeskranz – den weltlichen und den geistlichen Zweig zu einem Symbol göttlicher Ordnung und Siegesgewissheit verflicht.
Patriarch Kyrill I., seit 2009 Oberhaupt der Russisch-Orthodoxen Kirche, wurde zum Gesicht dieser neuen Phase. Er sieht die Kirche nicht nur als religiöse, sondern als zivilisatorische Kraft. Immer wieder betont er die Notwendigkeit eines „spirituellen Wiederaufbaus“ Russlands – im Gegensatz zum dekadenten Westen, dessen Werte untergraben würden durch Moralrelativismus, Individualismus, Genderideologien und Verfall familiärer Strukturen.
Diese Deutung wurde vor allem mit dem Begriff des „Russkij Mir“ (Russische Welt) verknüpft: einem ideologischen Konzept, das die kulturelle und geistige Einheit aller russischsprachigen, russisch geprägten Völker betont – unabhängig von nationalen Grenzen. Zwar hat dieses Projekt politische Wurzeln, es wurde jedoch auch von der Kirche stark aufgenommen und mit theologischen Inhalten aufgeladen. Die russische Orthodoxie präsentiert sich dabei als Trägerin einer „eigenen Zivilisation“ – christlich, traditionell, kollektiv, und der westlichen Moderne kritisch gegenüberstehend.
Der Katechon in der Denke der Russkij Mir
Immer wieder spielt Kyrill auf die Figur des Katechon an – des „Aufhalters“ aus dem 2. Thessalonicherbrief (2,6–7). In diesem biblischen Bild ist es eine geistlich legitimierte Macht, die das Kommen des Bösen zurückhält. Heute wird dieses Motiv offen im Kontext staatlicher Macht verwendet: Russland – so die Deutung – sei der letzte Verteidiger christlicher Werte gegen die moralische Auflösung Europas. Der Zar als Katechon lebt in neuer Gestalt weiter – nun nicht in Person eines Monarchen, sondern als nationale Führungsmacht, gestützt auf eine Kirche, die sich als Wächterin über Moral, Familie und Wahrheit versteht.
Kyrills Nähe zu Putin wird international oft als politisch motiviert kritisiert. Doch innerhalb der russischen Gesellschaft – gerade außerhalb der städtischen Intelligenz – empfinden viele diese Verbindung als natürlich und richtig. Kirche und Staat erscheinen nicht als getrennte Sphären, sondern als zwei Seiten derselben patriotischen Mission.
Natürlich ist nicht die gesamte Orthodoxie mit dieser Deutung einverstanden. Gerade die ukrainische Orthodoxie hat sich im Zuge des Ukraine-Kriegs von Moskau gelöst – nicht aus theologischen Gründen, sondern als Ausdruck nationaler Selbstbehauptung gegenüber russischem Einfluss. Doch auch innerhalb Russlands gibt es Stimmen, die eine zu enge Verflechtung von Altar und Thron skeptisch sehen. Doch Kritik bleibt in einem System, das stark auf Einheit und Loyalität setzt, oft randständig. Wo westliche Beobachter Gefahr wittern, sehen viele Gläubige in Russland das Wiedererstehen einer jahrhundertealten Ordnung, in der Macht und Wahrheit nicht Gegensätze sind, sondern die beiden Zweige desselben Siegeskranzes.
Per unitatem fidei et potestatis, victoria.
- Enge Verbindung von Kirche und Staat – der Staat schützt die Kirche, die Kirche segnet den Staat.
- Keine klare Gewaltenteilung: Der Patriarch wirkt als moralische Instanz im gesellschaftlichen Leben, oft mit starkem Einfluss auf die Politik.
- Keine päpstliche Zentralgewalt: Die einzelnen Nationalkirchen sind autokephal (selbstverwaltet).
- Liturgie und Mystik spielen eine größere Rolle als Dogmatik – das Glaubensleben ist stark von Ritualen geprägt.
- Christuszentrierung bleibt im Mittelpunkt – auch bei politischer Nähe, die nicht mit inhaltlicher Vereinnahmung gleichzusetzen ist.
- Der Patriarch ist oft Repräsentant der nationalen Identität – etwa in Russland, Serbien, der Ukraine oder Griechenland.
Quellen
- 2 Thess 2,6–7: Bibelstelle zur Figur des Katechon
- Philotheus von Pskow: Zitat „Zwei Rom sind gefallen...“
- Beisetzung der Romanows: DW, Juli 1998
- Zur Figur Kyrills I. und „Russkij Mir“: Carnegie Endowment, 2022
- Zur Rolle der Kirche in der Sowjetzeit: Kappeler, A. (2018): Russland – Eine kurze Geschichte, C.H. Beck
- Zur byzantinischen Symphonia: Meyendorff, J. (1981): Byzantinische Theologie, Herder
- Zur Rolle Peters des Großen: Massie, R. K. (1980): Peter the Great – His Life and World