Das Kreuz offen tragen

1054

Das Große Schisma - Als Ost und West sich trennten

Über Jahrhunderte hinweg war die Kirche trotz kultureller Unterschiede geeint: Rom und Byzanz, Latein und Griechisch, Papst und Patriarch – verbunden im Bekenntnis zum einen Herrn. Doch mit dem Jahr 1054 kam es zur folgenschweren Trennung zwischen der Westkirche (römisch-katholisch) und der Ostkirche (orthodox). Was war geschehen?

Die Ursachen reichen weit zurück. Schon im 4. Jahrhundert zeigten sich Unterschiede in Theologie und Liturgie. In der Westkirche entwickelte sich das päpstliche Primat – die Vorstellung, dass der Bischof von Rom als Nachfolger Petri eine universale Leitungsfunktion innehat. Im Osten verstand man den Patriarchen von Konstantinopel hingegen eher als "ersten unter Gleichen", nicht als obersten Leiter aller Christen.

Hinzu kamen kulturelle Spannungen: Während der Westen Latein sprach und sich stärker auf Recht und Ordnung konzentrierte, lebte die Ostkirche in griechischer Philosophie, Mystik und liturgischer Feierlichkeit. Zwei Mentalitäten, zwei Welten – mit wachsender Entfremdung.

Ein entscheidender Streitpunkt war das sogenannte Filioque: Die westliche Kirche fügte dem Glaubensbekenntnis hinzu, dass der Heilige Geist „vom Vater **und dem Sohn**“ ausgehe – eine Ergänzung, die der Osten ablehnte. Nicht nur wegen des Inhalts, sondern weil der Text des Konzils von 381 dadurch einseitig verändert wurde.

1054, noch weit vor dem ersten Kreuzzug, eskalierte der Konflikt: Kardinal Humbert, Gesandter von Papst Leo IX., legte während eines Gottesdienstes im Hagia-Sophia-Dom eine Bannbulle auf den Altar. Der Patriarch von Konstantinopel, Michael Kerullarios, reagierte mit einem Gegenbann. Damit war das Schisma vollzogen – nicht durch theologischen Beschluss, sondern durch einen symbolischen Akt tiefster Kränkung.

Der kurze Traum von Einheit (1274 - 1283)

Im Jahr 1274 schien das große Schisma zwischen Ost und West überwunden. Beim Zweiten Konzil von Lyon kam es unter der Leitung von Papst Gregor X. und mit Zustimmung des byzantinischen Kaisers Michael VIII. Palaiologos zur Verkündung einer Union der römisch-katholischen mit der orthodoxen Kirche1. Doch was auf dem Papier wie ein Durchbruch aussah, war in der Wirklichkeit kaum mehr als eine politische Episode, getragen von kaiserlichem Kalkül und westlichem Optimismus, aber ohne echte Verankerung im Glauben des Volkes oder der Bischöfe des Ostens2.

Michael VIII. hatte Konstantinopel 1261 von den lateinischen Kreuzfahrern zurückerobert. Um sein Reich zu stabilisieren und eine erneute Invasion des Westens zu verhindern, suchte er aktiv die Annäherung an Rom3. Seine Hauptmotivation war also nicht theologischer Natur, sondern strategisch: Die Union sollte vor allem den Papst gegen die Angriffspläne Karls von Anjou, König von Sizilien, auf seine Seite bringen.

Tatsächlich erklärte eine byzantinische Delegation auf dem Konzil von Lyon den Beitritt zur römischen Kirche, inklusive Anerkennung des päpstlichen Primats und des umstrittenen Filioque im Glaubensbekenntnis. Papst Gregor X. nahm die Erklärung erfreut an – die Union war besiegelt4.

Doch in Konstantinopel selbst stieß die Einigung auf erbitterten Widerstand. Der byzantinische Klerus und große Teile der Bevölkerung lehnten den Anschluss an Rom als Verrat am wahren Glauben ab. Michael VIII. setzte den Unionspatriarchen Johannes Bekkos durch, ließ aber Kritiker verfolgen, inhaftieren oder mundtot machen. Es kam zu innerkirchlichen Spannungen, die sich mit dem Tod des Kaisers 1282 sofort entluden1.

Sein Sohn und Nachfolger Andronikos II. Palaiologos berief ein Konzil in Konstantinopel ein, das den unionsfreundlichen Patriarchen Johannes Bekkos absetzte und die Union offiziell verwarf. Die Verbindungen zu Rom wurden erneut abgebrochen2. Die Kirchenunion von 1274 war damit faktisch gescheitert – ein weiterer Beleg dafür, dass Einheit nur dann Bestand hat, wenn sie nicht allein politisch erzwungen, sondern im Glauben getragen wird.

Die Trennung hielt sich über die Jahrhunderte bis in unsere Zeit. Trotz Annäherungen, etwa beim Zweiten Vatikanischen Konzil oder durch das ökumenische Gespräch seit dem 20. Jahrhundert, blieb das Schisma in der Praxis bestehen. Die orthodoxen Kirchen blieben autokephal (eigenständig), die katholische Kirche entwickelte das Papsttum weiter bis zum Unfehlbarkeitsdogma von 1870.

Ein weiterer grundlegender Unterschied liegt im Verständnis von Kirche und Staat. Während die römische Kirche sich zunehmend als überstaatliche, vom Papst geführte Institution mit universellem Anspruch entwickelte, verstand sich die Ostkirche traditionell als Staatskirche. Dieses Konzept reicht bis in das spätantike Byzanz zurück, wo sich Kaiser und Patriarch in einer engen Symbiose sahen – ein Modell, das später auch in Russland übernommen wurde. Der Zar galt als "Gottgesalbter", die Kirche als moralische Säule des Staates. Dieses Symphonia-Modell – die Harmonie zwischen weltlicher und geistlicher Macht – prägt das orthodoxe Denken bis heute. Westliche Kritik an der politischen Nähe der orthodoxen Kirche zu autoritären Regimen greift deshalb oft zu kurz, da sie dieses tief verwurzelte Selbstverständnis nicht berücksichtigt.

Das Schisma von 1054 ist eine Zäsur der Kirchengeschichte – schmerzhaft, aber erklärbar. Es war kein Bruch in der Lehre, sondern ein Auseinanderdriften von Kulturen, Sprachen und Kirchenverständnissen. Doch die Wurzel beider Kirchen bleibt dieselbe: das Evangelium Jesu Christi.

Einen besonderen Akzent setzte Papst Benedikt XVI., der der Orthodoxie große Wertschätzung entgegenbrachte. Theologisch betonte er wiederholt die Gemeinsamkeiten im Kirchenverständnis der ersten Jahrhunderte und suchte die Nähe zur byzantinischen Liturgie. Im Jahr 2006 feierte er gemeinsam mit dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. in der Patriarchalkirche von Istanbul ein Gebet und eine Liturgie der Wortverkündigung – ein symbolischer Schritt, der als bedeutender Brückenschlag gewertet wurde. Benedikt sah in der Orthodoxie nicht nur eine Schwesterkirche, sondern einen möglichen Schlüssel zur Heilung der Kirchenspaltung.

Das orthodoxe Glaubensbekenntnis unterscheidet sich übrigens kaum vom lateinischen. Allerdings wird der theologischen Grundlage entsprechend nur "der heilige Geist, der aus dem Vater hervorgeht" (gr. „ἐκ τοῦ Πατρὸς ἐκπορευόμενον“) gesprochen, nicht wie im lateinischen "der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht" (lat. „qui ex Patre Filioque procedit“).

Ost und West im Vergleich

Lateinische Liturgie Griechische Liturgie
Papst als oberstes Haupt der Kirche Konziliares Prinzip, Ehrenvorrang des Patriarchen von Konstantinopel
Zölibat für Priester verpflichtend Verheiratete Priester erlaubt (nur Bischöfe zölibatär)
Filioque: Der Heilige Geist geht vom Vater und dem Sohn aus Der Heilige Geist geht allein vom Vater aus
Unleavened Bread (Hostie aus ungesäuertem Brot) Gesäuertes Brot in der Eucharistie
Kommunion meist nur unter der Gestalt des Brotes Kommunion immer mit Brot und Wein
Juristische, rational geprägte Theologie Mystische, liturgisch-spekulative Theologie
Starke Zentralisierung in Rom Autokephale (eigenständige) Landeskirchen

Quellen

  1. Hans-Joachim Härtel: Michael VIII. Palaiologos und die Kirchenunion von Lyon, München 2005, S. 48–71. [Bibliothekseintrag]
  2. Deno John Geanakoplos: Byzantium and the Crusades, New York 1975, S. 208–220. [Archiv-Scan]
  3. Meyers Großes Konversations-Lexikon, Bd. 13, Leipzig 1908, Artikel „Kirchenunion“. [Retrobibliothek]
  4. Catholic Encyclopedia: Michael VIII. Palaiologos, 1911. [Online-Lexikon]
 
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