Von 300 bis 630 n. Chr.
Blütezeit der antiken Christenheit
Mit dem Edikt von Mailand im Jahr 313 n. Chr. endet die staatliche Christenverfolgung im Römischen Reich. Kaiser Konstantin – mit seiner Residenz in Mailand – sichert dem Christentum mit dem Toleranzedikt von 313 volle Religionsfreiheit – ein Wendepunkt der Weltgeschichte. Aus einer bedrängten Minderheit wird eine anerkannte religiöse Kraft, die in den kommenden Jahrzehnten zur beherrschenden geistigen Macht im Reich aufsteigt.
Die neue Freiheit beschleunigt die Ausbreitung der Kirche. Die Zahl der Gemeinden wächst, vor allem in den Städten. Die Bischöfe gewinnen an Einfluss, Synoden und Konzilien regeln Fragen des Glaubens. 325 findet das erste ökumenische Konzil in Nicäa statt, bei dem die Wesensgleichheit Christi mit dem Vater (homoousios) dogmatisch festgeschrieben wird – ein Meilenstein der Theologie.
380 wird das Christentum unter Theodosius I. zur Staatsreligion. Nun ist es nicht mehr nur erlaubt – es wird zur normativen Grundlage des römischen Staates. Zugleich beginnt die aktive Bekämpfung heidnischer Kulte. Tempel werden geschlossen, Priester der alten Götter verlieren ihre Ämter. Die antike Welt wandelt sich – von Grund auf.
Von den alten Zentren der Christenheit – Rom, Antiochia, Alexandria und Jerusalem – aus entwickeln sich neue kirchliche Strukturen. Konstantinopel, zur neuen Hauptstadt des Reiches erhoben, gewinnt an theologischer Bedeutung und wird bald als „neues Rom“ anerkannt.
Die großen Patriarchate dienen als Stabilisatoren in einer Zeit tiefgreifender politischer Umbrüche. Denn mit dem Ende des Weströmischen Reiches (476) wird das westliche Europa zum Missionsland. Germanische Völker wie die Westgoten, Ostgoten und Vandalen nehmen das Christentum an – allerdings in seiner arianischen Form, was zu Spannungen mit der römischen Kirche führt.
Ein kirchengeschichtlich bedeutsames Ereignis ist die Taufe des fränkischen Königs Chlodwig um 496. Anders als andere germanische Herrscher lässt er sich im katholischen Bekenntnis taufen – ein Akt mit enormer politischer Sprengkraft. Die Franken werden zu Trägern der katholischen Kirche im Westen und zu Schutzmächten des Papsttums.
Auch in Britannien beginnt eine neue Phase: 597 wird Augustinus von Canterbury von Papst Gregor dem Großen als Missionsbischof nach England gesandt. Er gründet das Bistum Canterbury und legt den Grundstein für die katholische Kirche in England. Der christliche Glaube kehrt damit – nach der Zeit der Angelsachsen – in organisierter Form zurück auf die Insel.
Im Osten bleibt die Ausstrahlung der Kirche konstant. Armenien war bereits 301 das erste christliche Staatswesen der Geschichte. In Äthiopien und Nubien festigt sich im 4. und 5. Jahrhundert das Christentum – unabhängig vom römischen Reich, aber in enger Verbindung mit Alexandria. Auch in Persien, im Sassanidenreich, bestehen christliche Gemeinden, trotz teils harter Verfolgung.
Bis zum Jahr 630 hat sich das Christentum über weite Teile Europas, Nordafrikas und des Nahen Ostens verbreitet. Es ist eine urbane Religion mit starken kulturellen und intellektuellen Zentren, aber sie dringt auch allmählich in ländliche Regionen vor. Mönchtum, Liturgie, Schulen und karitative Einrichtungen prägen zunehmend das gesellschaftliche Leben.
Frühe christliche Zentren
| Ort | Land | Bedeutung |
|---|---|---|
| Rom | Italien | Zentrum der westlichen Kirche |
| Mailand | Italien | Konstantins Residenz, Ort des Toleranzedikts |
| Ravenna | Italien | Kaiserliche Residenz im späten Weströmischen Reich |
| Aquileia | Italien | Frühes Bistum, kulturelles Zentrum |
| Trier | Deutschland | Ältester Bischofssitz nördlich der Alpen |
| Arles | Frankreich | Ort bedeutender Konzilien |
| Lyon | Frankreich | Märtyrerort, frühes Bistum |
| Toledo | Spanien | Westgotenkirche, ab 589 katholisch |
| Karthago | Tunesien | Zentrum der nordafrikanischen Kirche |
| Alexandria | Ägypten | Patriarchat, theologische Schule |
| Jerusalem | Israel | Heilige Stadt, Patriarchat |
| Antiochia | Türkei | Missionszentrum, Patriarchat |
| Ephesos | Türkei | Konzil 431, Marienverehrung |
| Konstantinopel | Türkei | Hauptstadt des Ostreichs, Patriarchat |
| Nisibis | Türkei | Christliches Zentrum im Osten |
| Edessa | Türkei | Syrische Kirche, Mission nach Osten |
| Armenien | Armenien | Erstes christliches Staatswesen (301) |
| Aksum | Äthiopien | Christentum seit 4. Jh., koptisch geprägt |