Das Kreuz offen tragen

Was wäre, wenn es Außerirdische gibt? – Glaube und Schöpfung

Die Frage klingt auf den ersten Blick wie eine Spielerei für Science-Fiction-Fans: Was wäre, wenn morgen ein außerirdisches Raumschiff landet? Mit Wesen, die intelligent sind, sprechen, denken, vielleicht sogar glauben. Würde das nicht alles infrage stellen, was wir über Schöpfung, Erlösung und Menschwerdung Gottes glauben?

Tatsächlich stellt sich diese Frage theologisch – und sie ist keineswegs neu. Schon Kirchenväter, mittelalterliche Theologen und später Naturwissenschaftler mit starkem Glaubensbezug dachten über die Weite der Schöpfung nach. Und der moderne Vatikan hat in den letzten Jahrzehnten mehrfach erkennen lassen: Der Gedanke außerirdischen Lebens steht nicht im Widerspruch zum Glauben. Im Gegenteil lädt er dazu ein, das Göttliche noch größer zu denken.

Die Himmel verkünden die Herrlichkeit Gottes
Denn nirgends in der Bibel steht, dass die Erde das einzige bewohnte Werk Gottes sei, die Menschen die einzige vernunftbegabte Spezies aus Gottes Willen. Die Schöpfung wird als groß und staunenswert beschrieben, aber keinesfalls als abgeschlossenes Puppenhaus mit uns Menschen als Mittelpunkt. „Der Himmel verkündet die Herrlichkeit Gottes“, heißt es im Psalm, und heute wissen wir: „Der Himmel“ ist ein Universum mit Milliarden von Galaxien. Sollte Gott dort nicht auch Leben erschaffen haben?

Doch es bleibt dann eine große Frage: Was bedeutet das für Jesus Christus? Die Kirche bekennt, dass Gott in Jesus Mensch geworden ist. In einem einzigartigen Akt, unwiderruflich, ein für alle Mal. Gilt dieses Heilsgeschehen auch für andere Intelligenzen? Müsste Christus dort ebenfalls Mensch – oder sagen wir: „Alien“ – geworden sein? Oder reicht das eine, hiesige, Kreuzesopfer für alle, hinweg über Raum und Zeit?

Hier wird es spannend. Denn manche Theologen sagen: Ja, Christus starb „einmal für alle“, auch für Wesen, die wir nicht kennen. Sein Opfer hat universale, kosmische Tragweite. Andere meinen: Vielleicht hat Gott ganz eigene Wege, mit anderen Geschöpfen zu kommunizieren. Wege der Erlösung, die jenseits unseres Vorstellungsvermögens liegen. Vielleicht war dort – wo immer das sein mag – keine Errettung notwendig, weil es dort nie einen Sündenfall gegeben hat.

Erlösung auch im Universum
Der damalige Leiter der Vatikanischen Sternwarte, José Gabriel Funes, sagte 2008 sinngemäß: Wenn es außerirdische Wesen gibt, dann hat Gott sie erschaffen. Und wenn sie einer Erlösung bedürfen, wird er auch für sie einen Weg finden. Der Glaube kennt viele Wege, die zum Heil führen. Und eines ist sicher: Gott ist nicht an eine irdische Biologie gebunden.

Was bedeutet das für uns heute? Vielleicht gar nicht so sehr, dass wir morgen Besuch aus dem All erwarten sollten. Sondern eher: Dass unser Glaube bereit sein muss, größer zu denken, offener, tiefer. Es mag auch bedeuten: „Findet Euch mit der Tatsache ab, nicht alle Antworten zu haben. Aber ergreift nicht sofort die Flucht, wenn neue Fragen auftauchen“. Das Erkenntnisvermögen der Menschen ist begrenzt. Und so sehr es wachsen mag mit den kommenden Jahrtausenden – sollte uns denn noch eine solche Zeitspanne auf unserem Planeten vergönnt sein – den Ratschluss Gottes oder seine Pläne zu erkennen, wird uns nie gegeben sein.

Und ist es nicht tröstlich, dass unser Glaube durch neue Erkenntnisse nicht bedroht, sondern gestärkt wird? Christus ist nicht kleiner als das Weltall. Er ist das Wort, durch das alles geworden ist. Sichtbares wie Unsichtbares. Menschliches wie vielleicht ganz Fremdes. Und selbst wenn morgen ein Wesen mit vier Augen und sechs Armen vor der UNO spricht, wird eines bleiben: Gott ist unser aller Schöpfer. Und seine Liebe ist nicht an unsere Vorstellungskraft gebunden.

Quellen

  • José Gabriel Funes: Interview in der Zeitung L'Osservatore Romano, zitiert z. B. in: Vatican News, 2008
  • Psalm 19,2: „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und das Firmament verkündigt das Werk seiner Hände.“
  • Brief an die Kolosser 1,16–17: „Denn in ihm wurde alles erschaffen, im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare…“
  • Paul Thigpen: Extraterrestrial Intelligence and the Catholic Faith. Are We Alone in the Universe with God and the Angels? TAN Books, 2022. Link zum Buch (tanbooks.com) ISBN: 978-1505128070
 
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