Das Kreuz offen tragen

Von 1300 bis 1517 n. Chr.

Kirche zwischen Krise, Reformwillen und Aufbruch ins Ungewisse

Der Zeitraum zwischen 1300 und 1517 markiert eine Zeit tiefgreifender Umbrüche – geistlich, gesellschaftlich und politisch. Die einst geeinte lateinische Kirche gerät in eine Phase innerer Spannungen und äußerer Bedrohungen. Besonders einschneidend ist das sogenannte Avignonesische Exil (1309–1377), währenddessen die Päpste unter französischem Einfluss in Avignon residieren. Dies wird weithin als Zeichen von Abhängigkeit und Schwäche gewertet – ein Gefühl, das sich durch das darauffolgende Große Abendländische Schisma (1378–1417) noch verstärkt, als gleich mehrere Männer den Anspruch auf das Papstamt erheben. Die Legitimität der kirchlichen Autorität wird infrage gestellt.

Parallel dazu entstehen innerhalb der Kirche starke Reformbewegungen. Der Dominikanerorden gewinnt an Bedeutung – sowohl als Predigt- und Bildungsorden als auch im Dienst der Inquisition. In ihm wirken ebenso scharfsinnige Theologen wie umstrittene Mystikerinnen und Mystiker. Catharina von Siena, Meister Eckhart und Johannes Tauler stehen für die Vielfalt des innerkirchlichen Frömmigkeitslebens.

Die Konzilien von Konstanz (1414–1418) und Basilien (1431–1449) versuchen die Einheit der Kirche durch ein Konzil wiederherzustellen. Immerhin gelingt es in Konstanz auch, das Schisma zu beenden und einen allgemein anerkannten Papst zu bestimmen.

In dieser Zeit beginnt sich auch das Bild vom Papsttum zu wandeln. Die Römischen Päpste des 15. Jahrhunderts – etwa Sixtus IV. und Alexander VI. – werden zunehmend als machtbewusste Fürsten wahrgenommen. Ihr Lebensstil, ihre Bauprojekte und politische Einflussnahme lösen nicht nur Staunen, sondern auch Kritik aus. Das Ansehen des Kirchenamts leidet.

Mit der Ausbreitung der Renaissance kommt ein neues Menschenbild auf – individualistischer, fragender, oft auch kirchenkritischer. Humanisten wie Erasmus von Rotterdam fordern eine Rückbesinnung auf das Evangelium und die griechischen und lateinischen Quellen. Zugleich breiten sich erste Übersetzungen der Bibel in die Volkssprachen aus – ein Signal an die Autorität der lateinischen Kirche.

Der Ablasshandel, eigentlich eine theologische Form des Nachlasses zeitlicher Sündenstrafen, wird im Spätmittelalter häufig missbraucht: Geldzahlungen an die Kirche gegen Erlass von Bußen oder gar der Zeit im Fegefeuer werden üblich. Die Kritik an dieser Praxis wächst – besonders in Deutschland, wo die wirtschaftliche Not vieler Gläubiger im Kontrast zur Pracht kirchlicher Bauwerke steht.

In dieser spannungsgeladenen Zeit beginnt sich die Forderung nach Reformen zu verdichten – nicht außerhalb der Kirche, sondern in ihrem Innern. Bewegungen wie die Devotio moderna, aber auch einzelne Stimmen wie Jan Hus in Böhmen oder Johannes Wyclif in England, werden zu Vorboten einer geistlichen Erneuerung – oft unter schweren persönlichen Opfern.

Als Martin Luther 1517 seine 95 Thesen veröffentlicht, steht er damit nicht allein auf weiter Flur. Die Kritik ist vorbereitet – durch ein Jahrhundert der Unruhe, des Nachdenkens und des Suchens nach einem neuen Weg für die Kirche.

„„Die Kirche braucht nicht neue Formen, sondern ein neues Herz.“ – sinngemäß aus der Devotio moderna

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Damit endet unser Streifzug durch über 1.500 Jahre Kirchengeschichte – von der kleinen Gemeinde in Jerusalem bis zum Vorabend der Reformation. Wichtige, bis heute spürbare Entscheidungen wurden gefällt – manches durch menschliches Ringen, anderes durch das Wirken göttlicher Vorsehung. Der Weg der Kirche führte über Höhen und Tiefen, durch Glanz und Abgründe, durch Gnade und Krise. Viele weitere Weggabelungen hat die Geschichte seither für uns Christen bereitgehalten – aber das ist eine andere Geschichte.

Zentren des Christentums 800-1045 n. Chr.

Ort Land Bedeutung
Rom Italien Sitz des Papsttums, Zentrum der katholischen Welt
Avignon Frankreich Ort des Papstsitzes während des "Avignonesischen Exils"
Köln Deutschland Bedeutendes Erzbistum, wirtschaftlich-kulturelles Zentrum
Toulouse Frankreich Gründungsort des Dominikanerordens (1216), Zentrum für Predigt und Inquisition
Heiligkreuztal Deutschland Zisterzienserinnenkloster, spirituelles Zentrum des Spätmittelalters
Heidelberg Deutschland Universität (1386), Ort theologischer Debatten
Paris Frankreich Universität Sorbonne, Zentrum der Scholastik
Wittenberg Deutschland Später Ausgangspunkt der Reformation (Luther wirkte dort)
Mariastein Schweiz Wallfahrtsort und Rückzugsort in Krisenzeiten
Einsiedeln Schweiz Wichtiges Benediktinerkloster und Wallfahrtsort
 
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