Bewahrung des Menschlichen
Das christliche Menschenbild unter Druck
In einer Welt der technischen Möglichkeiten, der künstlichen Intelligenz und biotechnologischen Entgrenzung verliert das Menschliche zunehmend an Wert. Was früher Ausdruck göttlicher Würde war – Leib, Seele, Person, Identität – wird heute hinterfragt, dekonstruiert, manchmal sogar verachtet. Der Mensch ist nicht mehr „Ebenbild Gottes“ (Gen 1,27), sondern Produkt zufälliger Evolution, Objekt von Optimierung oder Spielball gesellschaftlicher Konstrukte.
„Der Mensch bestreitet, dass er ein Geschöpf Gottes ist, dass es eine seiner Natur vorgängige Wahrheit gibt.
Er will sich selbst schaffen und nur sich selbst verdanken. Aber dort, wo der Mensch sich selbst erschafft, zerstört er sich.“ – Papst Benedikt XVI., Weihnachtsansprache 2012
Diese Selbstüberschätzung äußert sich konkret – etwa im transhumanistischen Wunsch, den Körper technisch zu überwinden. Oder in einer Sexualethik, die biologische Gegebenheiten zur bloßen Option erklärt. Auch der Lebensschutz steht unter Druck: Abtreibung, Euthanasie und genetische Selektion werden zunehmend normalisiert. Die „Kultur des Wegwerfens“ (Papst Franziskus) trifft nicht nur Dinge, sondern auch Menschen – vor allem jene, die schwach, krank, ungeboren oder alt sind.
Der Verlust der Personalität
Im Herzen dieser Entwicklung steht ein neues Verständnis vom Menschen: nicht mehr als Person mit inhärenter Würde, sondern als Bündel von Interessen, Reizen und Funktionen. Diese Entpersonalisierung betrifft alle Lebensbereiche – von der Wirtschaft über die Medizin bis zur Sozialpolitik.Die christliche Botschaft dagegen sieht den Menschen als geliebtes Geschöpf Gottes, berufen zur Freiheit und zur Liebe. Johannes Paul II. betonte in seiner Enzyklika Evangelium Vitae:
„Das Leben jedes Menschen ist heilig, weil es vom ersten Augenblick seines Daseins die schöpferische Handlung Gottes widerspiegelt.“
Gegenbilder der Moderne
Die Entwertung des Menschen geschieht oft subtil. Etwa wenn psychische Gesundheit auf chemisches Gleichgewicht reduziert wird oder menschliche Beziehungen durch digitale Simulation ersetzt werden. Der Mensch wird zum Konsumenten, zur biologischen Einheit – aber nicht mehr zum Träger eines göttlichen Plans. Auch in der politischen Kommunikation zeigt sich eine gefährliche Tendenz: Menschenrechte werden losgelöst von einem Schöpfer begründet. Doch was der Staat gibt, kann er auch wieder nehmen. Nur dort, wo die Würde des Menschen als göttlich verbürgt gilt, hat sie wirklich Bestand – auch gegen Macht und Mehrheit.Christliches Menschenbild als Rettungsanker
Die Kirche steht hier nicht nur als Mahnerin, sondern als Zeugin eines anderen Menschenbildes: Der Mensch als geliebtes Geschöpf, als einzigartiges Ich, berufen zu ewiger Gemeinschaft mit Gott. Jeder Mensch. Immer. Überall.„Christlicher Glaube bedeutet: Du bist nicht dein eigener Ursprung – und das ist deine Würde.“ Fabrice Hadjadj, PhilosophDiese Einsicht ist unbequem in einer Welt, die Selbstverwirklichung über alles stellt. Aber sie ist heilsam – denn sie schenkt Halt, Hoffnung und Sinn. Und sie ist der Grund, warum Christen das Kreuz nicht verstecken sollten: Es steht für den Gott, der den Menschen so ernst nimmt, dass er für ihn stirbt. In den sonntäglichen Fürbitten (jeder Gottesdienst sollte solche haben) tragen wir unsere Sorgen und Nöte vor Jesus und bitten um seine Hilfe, seine Unterstützung oder um die Fürsprache der Mutter Gottes.