Theologen der Menschlichkeit
In einer Zeit, in der Hysterie und Angst die Klingen schärften, waren es jene, die klug und unerschrocken gegen den Strom schwammen – und den größten Mut zeigten. Diese Männer, in ihrer Zeit häufig unbequem, verhasst und selber verfolgt, waren Priester, Jesuiten, Inquisitoren. Sie riskierten alles: ihre Karriere, ihre Freiheit – und zahlten manchmal mit dem höchsten Preis: mit ihrem Leben.
Was trieb sie an? Im Grunde der feste Glaube, der größer war als das eigene Leben. Die Überzeugung, dass nur die Wahrheit Gegenmittel sein kann gegen Angst. Dass Gerechtigkeit nicht aus dem Schrei der Menge ersteht, sondern aus der Stimme der Vernunft. Dass Menschen, deren einziger Makel es war, am Rand der Gemeinschaft zu stehen, keine Gefährten von Dämonen oder Teufeln sind. Dass Folter keine Wahrheit hervorbringt, sondern Lügen schafft. Und dass Angst keinen Glauben bewirkt, sondern Verzweiflung.
Zur rechten Zeit haben sie Furcht in Verantwortung verwandelt. Sie wurden – mit Leib und Seele – zu Theologen der Menschlichkeit. Einige seien hier genannt:
Friedrich Spee von Langenfeld (1591–1635)
Jesuit, Dichter, Seelsorger. Als Beichtvater vieler angeblicher Hexen erkannte er den Wahnsinn hinter den Prozessen. In seinem anonym erschienenen Werk Cautio Criminalis prangerte er 1631 die Folter, die Willkür und das Unrecht der Hexenprozesse an. Ein Meilenstein des Widerstands – geboren aus Gewissen und Glauben.
„Torture has the power to create witches where none exist.“ — Friedrich Spee von Langenfeld, 1631
Johannes Brenz (1499–1570)
Evangelischer Reformator in Württemberg. Brenz widersprach entschieden der Vorstellung, dass Menschen durch dämonische Kräfte zaubern könnten. Er warnte vor dem Wahn und plädierte für Mäßigung – in einer Zeit, in der viele andere schweigen wollten.
„Ich widerspreche entschieden der Ansicht, dass Menschen durch dämonische Kräfte zaubern könnten.“ — Johannes Brenz, sinngemäß nach Kommentaren zur Hexenlehre (um 1550)
Anton Praetorius (1560–1613)
Reformierter Pfarrer, der sich öffentlich gegen Folter und Hexenverfolgung stellte. In seiner Schrift Gründlicher Bericht über Zauberey und Zauberer (1598) legte er dar, warum die Praxis sowohl theologisch als auch rechtlich falsch war. Ein mutiger Auftritt, der ihn seine Stelle kostete – aber sein Name blieb.
„Wer die Folter anwendet, sucht nicht die Wahrheit, sondern eine Bestätigung seiner Angst.“ — zugeschrieben Anton Praetorius, Gründlicher Bericht (1598)
Alonso de Salazar Frías (1564–1636)
Spanischer Inquisitor, der nach umfangreicher Untersuchung in Navarra (1610–1614) erklärte: „Es gab keine Hexen, sondern nur Menschen, die daran glaubten.“ Er setzte sich erfolgreich gegen weitere Verfolgungen ein – und wurde von Kollegen als "Anwalt der Wahrheit" geschätzt.
„Nur die Weisheit und Festigkeit der Inquisition machten die Hexenjagd in Spanien vergleichsweise harmlos.“ — Alonso de Salazar Frías (nach William Monter, 2023).
Cornelius Loos (1546–1595)
Katholischer Theologe aus Mainz, der bereits 1592 ein Manuskript gegen die Hexenverfolgung verfasste. Er kritisierte scharf die Folter und die Beweisführung. Doch noch vor Veröffentlichung wurde er verhaftet, gezwungen zu widerrufen – und verschwand aus dem öffentlichen Leben. Seine Worte überdauerten.
„Magie ist kein teuflischer Pakt, Folter bringt keine Wahrheit.“ — sinngemäß nach Cornelius Loos, De vera et falsa magia (1592)
Hexenprozesse in Europa
ca. 1450–1750
| Region / Land | Geschätzte Anzahl | Bemerkung |
|---|---|---|
| Heiliges Römisches Reich (deutscher Raum) | ca. 40.000 – 60.000 | Höchste Verfahrensdichte; meist weltliche Gerichte |
| Frankreich | ca. 5.000 – 8.000 | Regionale Unterschiede; Südfrankreich deutlich milder |
| Schweiz | ca. 6.000 – 10.000 | Hohe Fallzahlen in reformierten Kantonen |
| Skandinavien | ca. 1.500 – 3.000 | Starker Anstieg im 17. Jahrhundert, v. a. in Finnland und Norwegen |
| Spanien und Portugal | unter 1.000 | Inquisition meist zurückhaltend; viele Verfahren abgewiesen |
| Italien | ca. 1.000 – 2.000 | Quellenlage unterschiedlich. Inquisition häufig bremsend |
| Polen / Baltikum | ca. 10.000 – 15.000 | Stark lokalisiert; viele Prozesse im protestantisch geprägten Ostpreußen |
| England / Schottland / Irland | ca. 2.000 – 4.000 | Intensive Wellen in Schottland; Hexenbild stark mit Calvinismus verknüpft |
| Kolonien (z. B. Salem) | unter 100 | Kurze, aber medienwirksame Phase in Neuengland (1692) |
Quellen: Behringer (2004), Levack (2006), Monter (2002) u. a. – Zahlen stark gerundet und regional uneinheitlich dokumentiert.