Das Kreuz offen tragen

Die Kirche und die Hexen

Kaum ein Mythos hält sich so hartnäckig

Wenige Begriffe lösen so reflexartige Empörung aus wie „Inquisition“ und „Hexenverfolgung“. In der öffentlichen Wahrnehmung gelten sie als Sinnbild kirchlicher Willkür, Frauenhass und dunklem Aberglauben. Besonders hartnäckig hält sich die Vorstellung, die katholische Kirche habe systematisch unzählige Frauen gefoltert und verbrannt – weil man sie für Hexen hielt.

Doch die historische Wirklichkeit ist weitaus komplexer – und oft anders, als es in Filmen, Romanen oder Schulbüchern dargestellt wird. Gerade die Rolle der Kirche wird dabei häufig verzerrt: Denn während viele weltliche Gerichte im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit mit äußerster Härte gegen vermeintliche Hexen vorgingen, zeigte sich die katholische Kirche über Jahrhunderte hinweg zurückhaltend bis ablehnend gegenüber Hexenglauben, Dämonenpakt und Zauberei.

Die offizielle Kirchenlehre stufte Zauberei lange als abergläubischen Unsinn ein – und verwarf die Vorstellung, dass Hexen reale Macht über Menschen oder Natur hätten1. Zwar gab es Ausnahmen und problematische Einzelfälle, doch über weite Strecken war es gerade die Inquisition, die eine Eskalation der Verfolgung eindämmte, Beweise forderte und vorschnelle Urteile verhinderte.

Verfolgung – gerade nicht dort, wo man sie vermutet

Ein Blick auf die Statistik erstaunt: Die meisten Hexenprozesse mit Todesurteilen fanden nicht in katholischen, sondern in protestantischen oder konfessionell gemischten Regionen statt. In Teilen Süddeutschlands, der Schweiz und vor allem in calvinistisch geprägten Gebieten wurden ganze Gemeinden in Angst und Schrecken versetzt. Orte wie Salem in Neuengland, Schaffhausen oder das lutherische Würzburg wurden zu Zentren besonders brutaler Verfolgung2.

Der katholische Süden Europas – etwa Spanien, Italien oder Portugal – blieb demgegenüber vergleichsweise verschont. Dies lag auch an der Struktur: In Ländern mit starker Zentralgewalt und einer fest etablierten Inquisition war die richterliche Praxis kontrollierter und weniger anfällig für Massenhysterie.

Diese geographische Umkehr der Erwartungshaltung – weniger Verfolgung im „finsteren“ Süden, mehr im „aufgeklärten“ Norden – ist ein Paradoxon, das selten offen thematisiert wird. Und es zeigt: Der Hexenwahn war kein rein kirchliches, sondern ein gesamtgesellschaftliches Phänomen – über konfessionelle Grenzen hinweg.

Armut, Krisen, soziale Spannungen

Auch wirtschaftliche Faktoren spielten eine Rolle. In Zeiten von Missernten, Pest, Inflation und sozialer Destabilisierung stieg die Zahl der Hexenprozesse deutlich an3. Die Suche nach einem Sündenbock war oft stärker als der Glaube selbst. Frauen – besonders ältere, alleinstehende oder auffällige – wurden zur Projektionsfläche für kollektive Ängste.

Gelehrte sprechen heute von einer Mischung aus sozialen, psychologischen, juristischen und theologischen Faktoren. Es war nicht ein System, das die Verfolgung trug – sondern viele parallele Motive, Interessen und Versäumnisse, die zusammen eine tragische Dynamik entfesselten.


Zeitliche Einordnung der Hexenverfolgung

Frühmittelalter (500–1000):
Zauberei galt als Aberglaube. Kirche und Konzilien (z. B. Paderborn 785) bekämpften vor allem den Glauben an Magie. Prozesse gegen „Hexen“ waren unüblich und unerwünscht.

Hochmittelalter (1000–1300):
Die Inquisition entstand zur Bekämpfung von Häresien (z. B. Katharer), nicht von Hexerei. Dämonenglaube wurde vereinzelt diskutiert, aber kirchlich oft zurückgewiesen.

Spätmittelalter (1300–1500):
In Krisenzeiten wuchs die Vorstellung einer organisierten Teufelssekte. Erste Todesurteile ab ca. 1430. Der Hexenhammer (1487) wirkte stark – war aber kein offizielles Lehrdokument der Kirche.

Frühe Neuzeit (1500–1700):
Die Hochphase der Verfolgung. Rund 80 % aller bekannten Prozesse fanden hier statt – vor allem vor weltlichen Gerichten. In vielen Regionen wirkte die Kirche bremsend.

Spätere Neuzeit (1700–1782):
Mit Aufklärung und Vernunftdenken sank die Prozesswut. Die letzten bekannten Hinrichtungen fanden 1775 (Kempten) und 1782 (Glarus, Schweiz) statt.

Quellen

  1. Augustinus: De doctrina christiana, Buch II, Kapitel 23. [Online-Ausgabe]
  2. Wolfgang Behringer: Hexen – Glaube, Verfolgung, Vermarktung, München 2004, S. 223 ff. [Beck-Shop]
  3. Rainer Decker: Die Päpste und die Hexen, München 2003, S. 19–34. [Verlagsseite]
 
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