Das Kreuz offen tragen

Ökumene – Einheit, Wahrheit und kirchliche Wirklichkeit

Ökumene – nur wenige Begriffe prägen den Alltag von Christen unterschiedlicher Konfessionen so sehr wie dieser. Dabei – und das wird oft vergessen – ist Ökumene keine Frage des guten Willens, sondern eine Frage der Wahrheit und der Klarheit.

Aber lassen Sie mich, geneigter Leser, zuvorderst ein Gleichnis erzählen, dass viel mit Ökumene zu tun hat und mit den Spannungen, die daraus entstehen:

Es baute ein Mann ein Haus. Mit einer schönen Flügeltür als Eingang. Viele Menschen aus seinem Dorf, seiner Stadt, seinem Land kamen, denn in dem Haus fanden sie Wahrheit, Trost und Licht für ihre Seelen. Mit der Zeit standen auch viele Fremde vor dem Haus, mit anderen Gebräuchen, Gedanken, Vorstellungen von Wahrheit und Trost.

Der Mann beschloss, die Türen breiter zu machen. Und nochmal breiter - denn immer mehr Menschen sollten eintreten und niemand fragte mehr nach ihren Motiven, ihrem Glauben, ihrem Leben.

Als die Türen längst nicht mehr schlossen, der Balken sich schon lange durchgebogen hatte, brach er schließlich. Das Haus stürzte zusammen und begrub unter sich, was dem Mann einst wahr, hell und wichtig gewesen.
Ja, ich weiß, was mancher jetzt denkt. Aber lesen Sie weiter. Denn Jesus, der Sohn Gottes, der als Zimmermann arbeitete, wird uns bewahren vor zu weiten Türen und brechenden Balken!

Denn wenn wir unsere Türen breiter machen, sollten wir verstehen, dass Ökumene weder mit Sympathie beginnen, noch durch sie getragen werden kann. Ökumene braucht eine nüchterne Antwort auf die ebenso nüchterne Frage, was Kirche ist – und wo sie konkret existiert.

So wollen wir auf drei Schwerpunkte schauen:
"Was sind Kirchen?". "Was ist gleich, was ungleich?" und "Was ist katholisch unverzichtbar?"

In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurde Ökumene häufig als Dialogform verstanden: als Begegnung auf Augenhöhe, als Suche nach Gemeinsamkeiten, als Zeichen gegenseitigen Respekts. All das ist menschlich sinnvoll. Theologisch jedoch greift es kurz, in vielen Fällen zu kurz.1

Denn Ökumene verhandelt nicht Beliebigkeit, sondern Einheit.2

Einheit ist im christlichen Verständnis keine Idee, sondern eine von Jesus Christus gestiftete Wirklichkeit.3
Die katholische Kirche versteht sich dabei nicht als menschliches Projekt, sondern als der sakramentale Leib Christi, durch den sein Heilswirken geschichtlich gegenwärtig bleibt.4

Die Kirche bekennt im Glaubensbekenntnis, dass sie eine, heilige, katholische und apostolische Kirche ist. Dieses Bekenntnis beschreibt nicht ein Ideal, sondern den Anspruch einer realen, geschichtlich gewordenen Kirche.5

Erst wenn diese Fragen ehrlich gestellt werden, kann von Ökumene sinnvoll gesprochen werden.

Bei der Analyse der Gemeinsamkeiten zeigt sich rasch: Die römisch-katholische Kirche und die Kirchen der Orthodoxie stehen sich in ihrem sakramentalen und apostolischen Selbstverständnis sehr nahe (hier erklären wir, wie es zu dem großen Schisma kommen konnte). Demgegenüber bestehen zu protestantischen und freikirchlichen Gemeinschaften grundlegende Unterschiede im Kirchen- und Amtsverständnis.

Diese Unterschiede sind keine Werturteile. Sie sind theologische Tatsachen und lassen sich nicht durch guten Willen aufheben.

Ökumene beginnt nicht mit Anpassung, sondern mit Wahrhaftigkeit. Und sie darf niemals Ergebnis ökonomischer Zwänge, personeller Engpässe oder strategischer Überlegungen zur Sicherung von Strukturen sein. Wo Einheit aus Angst vor Bedeutungsverlust gesucht wird, verliert sie ihren geistlichen Gehalt.

Quellen und kirchliche Grundlagen

  1. Zweites Vatikanisches Konzil: Unitatis redintegratio, Nr. 11. Warnung vor einem falschen Irenismus, der die Reinheit der katholischen Lehre verdunkelt. [Vatikan]
  2. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 815. Einheit der Kirche als Gemeinschaft von Glaube, Sakramenten und kirchlicher Leitung. [Vatikan]
  3. Zweites Vatikanisches Konzil: Lumen gentium, Nr. 8. Die eine Kirche Christi als von Christus gestiftete Wirklichkeit. [Vatikan]
  4. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 779. Die Kirche als zugleich menschliche und göttliche Wirklichkeit, Leib Christi in der Geschichte. [Vatikan]
  5. Symbolum Nicaenum-Constantinopolitanum (Großes Glaubensbekenntnis). [Vatikan]
 
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