Das Kreuz offen tragen

1096-1099

Der Erste Kreuzzug - Aufbruch zur Befreiung des Heiligen Grabes

Der Ruf zum ersten Kreuzzug im Jahr 1095 war keine spontane Reaktion, sondern der Höhepunkt einer langen Entwicklung. Seit dem 7. Jahrhundert hatte die islamische Expansion große Teile des einst christlich geprägten Nahen Ostens erobert – darunter Syrien, Palästina und schließlich Jerusalem selbst, das im Jahr 638 unter Kalif Umar in muslimische Hand fiel.1 Anfangs gewährten die neuen Herrscher den Christen gewisse Freiheiten, doch die Lage verschlechterte sich im Laufe der Jahrhunderte: Kirchen wurden enteignet oder zerstört, Prozessionen verboten, und christliche Pilger mussten hohe Abgaben entrichten oder galten als Freiwild für Überfälle.2

Im 11. Jahrhundert spitzte sich die Lage dramatisch zu: Die Seldschuken, ein Turkvolk aus Zentralasien, hatten weite Teile des östlichen Mittelmeerraums erobert und 1071 bei der Schlacht von Manzikert dem byzantinischen Heer eine vernichtende Niederlage zugefügt.3 Große Teile Kleinasiens fielen unter seldschukische Kontrolle, und damit brachen nicht nur territoriale Verbindungen zum Westen ab, sondern auch die Sicherheit der Pilgerwege. Berichte über Gräueltaten und Überfälle auf Pilger, darunter sogar Geistliche, verbreiteten sich rasch in Europa und weckten religiöse Empörung.

In dieser Not wandte sich der byzantinische Kaiser Alexios I. Komnenos an den Westen – konkret an Papst Urban II. Dieser erkannte die Chance, den Einfluss Roms auf die Ostkirche auszuweiten und das Papsttum als führende religiöse Kraft im Abendland zu profilieren. Auf dem Konzil von Clermont im November 1095 hielt Urban eine flammende Rede, in der er zum „bewaffneten Pilgerzug“ aufrief – zur Befreiung des Heiligen Grabes und zur Verteidigung der unterdrückten Christen im Osten.4

„Gott will es!“ – Papst Urbans Aufruf

In seiner berühmten Predigt auf dem Konzil von Clermont rief Urban II. die Ritter des Westens auf, „ihre Waffen nicht gegeneinander, sondern gegen die Feinde des Kreuzes“ zu richten. Die Teilnahme am Kreuzzug wurde als Bußwerk verstanden, das die Sünden tilge. Urbans Worte, überliefert in mehreren Versionen, schufen ein neues Ideal: der bewaffnete Pilger. Der Schlachtruf „Deus lo vult“ („Gott will es!“) wurde zum Symbol des Kreuzzugs.

Die Wirkung war gewaltig: Eine religiös aufgeladene Massenbewegung setzte ein. Ritter, Bauern, Priester, Adelige und Abenteurer folgten dem Ruf – teils aus Frömmigkeit, teils aus Hoffnung auf Ruhm, Beute oder Land. Der eigentliche Kreuzzug begann 1096. Nach jahrelangen Strapazen, inneren Spannungen und erbitterten Kämpfen erreichten die Kreuzfahrer im Sommer 1099 Jerusalem. Die Eroberung der Stadt endete in einem Massaker an der muslimischen und jüdischen Bevölkerung – ein bis heute umstrittenes Kapitel.5 Die Einnahme Jerusalems durch die Kreuzfahrer im Juli 1099 endete in einem Massaker an der muslimischen und jüdischen Bevölkerung der Stadt. Die Grausamkeit dieser Aktion wird in vielen Quellen beschrieben – und war zweifellos eine schwere moralische Hypothek des ersten Kreuzzugs. Allerdings entsprach sie in ihrer Brutalität dem allgemeinen Kriegsverständnis der Zeit: Auch auf muslimischer Seite waren Übergriffe, Zerstörung christlicher Heiligtümer und Massaker bei der Eroberung christlicher Städte nicht unüblich. Beide Seiten agierten aus religiöser Überzeugung, aber auch aus Rache, Furcht und strategischem Kalkül – und beide kannten keine Vorstellung moderner Kriegsführung oder humanitärer Normen.

Trotz aller Verluste und Schwierigkeiten: Aus Sicht der Teilnehmer war das Ziel erreicht: Das Heilige Grab war wieder in christlicher Hand. Die Kreuzfahrer errichteten das Königreich Jerusalem sowie weitere lateinische Staaten im Nahen Osten: das Fürstentum Antiochia, die Grafschaft Edessa und die Grafschaft Tripolis. Diese „Kreuzfahrerstaaten“ bestanden bis ins 13. Jahrhundert und veränderten nicht nur die geopolitische, sondern auch die geistige Landkarte Europas. Der erste Kreuzzug hatte ein neues Kapitel religiöser Weltgeschichte aufgeschlagen – aus Überzeugung und mit weitreichenden Folgen.

Ein berühmter Kreuzritterkönig: Balduin IV. von Jerusalem regierte das Kreuzfahrerkönigreich von 1174 bis 1185. Er war der Urenkel von Balduin I., einem Anführer des Ersten Kreuzzugs. Trotz einer Lepra-Erkrankung galt Balduin IV. als kluger Stratege und entschlossener Gegner Saladins. Seine Lebensgeschichte inspirierte den Film „Königreich der Himmel“, wo er als tragischer Held mit eiserner Maske dargestellt wird.

Zeitleiste: Erster Kreuzzug

  • 638: Jerusalem fällt an die Araber
  • 1071: Schlacht bei Manzikert, Seldschuken besiegen Byzanz
  • 1095: Aufruf zum Ersten Kreuzzug durch Papst Urban II.
  • 1096: Beginn des Ersten Kreuzzugs
  • 1099: Eroberung Jerusalems durch Kreuzritter
  • 1100–1291: Bestehen der Kreuzfahrerstaaten im Nahen Osten

Der Erste Kreuzzug war kein Angriff, sondern eine Antwort auf jahrhundertelange muslimische Eroberungen christlicher Länder.

Quellen

  1. Hans Eberhard Mayer: Geschichte der Kreuzzüge, Stuttgart 2005, S. 28–35.
  2. Christopher Tyerman: God’s War. A New History of the Crusades, London 2006, S. 91–97.
  3. Steven Runciman: Geschichte der Kreuzzüge I, München 2003, S. 119–123.
  4. Jonathan Riley-Smith: The First Crusade and the Idea of Crusading, London 1986, S. 39–46.
  5. Thomas Asbridge: The First Crusade – A New History, Oxford 2004, S. 287–295.
 
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