Das Kreuz offen tragen

1228

Der Sechste Kreuzzug

Der Sechste Kreuzzug (1228–1229) unterschied sich grundlegend von seinen Vorgängern: Er wurde nicht vom Papst ausgerufen, er begann ohne größere Schlachten – und doch erreichte er, zumindest vorübergehend, das scheinbar Unmögliche: die friedliche Rückgabe Jerusalems an die Christen 1.

Träger des Unternehmens war der römisch-deutsche Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen, ein hochgebildeter, mehrsprachiger Herrscher, der von seinen Zeitgenossen als „stupor mundi“ – „Staunen der Welt“ – bezeichnet wurde 2. Friedrich hatte sich bereits 1215 öffentlich zum Kreuzzug verpflichtet, die Ausführung aber mehrfach verschoben. Papst Gregor IX. exkommunizierte ihn 1227 wegen Nichterfüllung seines Gelübdes und ließ das Verdikt auch bestehen, als Friedrich im Sommer 1228 tatsächlich aufbrach 3.

Anders als frühere Kreuzzüge zog Friedrich mit einer vergleichsweise kleinen Streitmacht – zeitgenössische Quellen sprechen von etwa 1.000 bis 1.500 Rittern, dazu Fußvolk, insgesamt wohl nicht mehr als 10.000 Mann 4. Sein Ziel war weniger eine militärische Eroberung als vielmehr ein diplomatischer Ausgleich mit dem Ayyubiden-Sultan al-Kamil, dem Neffen Saladin’s. Beide Herrscher verband eine gewisse gegenseitige Wertschätzung; sie hatten schon vor Friedrichs Abreise über Gesandte Kontakt gehalten 5.

Am 18. Februar 1229 wurde in Jaffa ein Vertrag geschlossen: Jerusalem, Bethlehem, Nazareth und ein Korridor bis zur Küste wurden den Christen übergeben, die Stadtmauern durften jedoch nicht wieder aufgebaut werden, und der Tempelberg mit dem Felsendom blieb unter muslimischer Kontrolle 6. Für Friedrich war dies ein diplomatischer Triumph – er konnte am 17. März 1229 in der Grabeskirche die Königskrone von Jerusalem aufsetzen, formal als Vormund seines minderjährigen Sohnes Konrad. Da er jedoch exkommuniziert war, fand keine kirchliche Krönungszeremonie statt.

In der Heimat und in Rom wurde das Ergebnis mit gemischten Gefühlen aufgenommen: Papst Gregor IX. bezeichnete den Vertrag als unzureichend und kritisierte, Friedrich habe mit „Ungläubigen“ paktiert 7. Im Heiligen Land selbst reagierten die einheimischen Barone und der Patriarch von Jerusalem ebenfalls verhalten – teils wegen der fortbestehenden islamischen Präsenz auf dem Tempelberg, teils aus Misstrauen gegenüber dem exkommunizierten Kaiser.

Konflikte in Outremer – wer lehnte den Vertrag ab?

  • John von Ibelin (Beirut): Führte Opposition an, verteidigte baroniale Rechte gegen Friedrichs Alleingänge.
  • Barone von Jerusalem, Hochgericht von Akkon, Zypern-Grafen: Weigerten sich, dem Vertrag zuzustimmen und Hommage zu leisten.
  • Templer & Hospitaliter: Erst zurückhaltend, später ablehnend – distanzierten sich von Friedrichs diplomatischer Lösung.

Für knapp ein Jahrzehnt war Jerusalem wieder in christlicher Hand, allerdings ohne massive Befestigungen und unter brüchigen politischen Bedingungen. Nach dem Tod al-Kamils 1238 zerfiel die Vereinbarung rasch; 1244 eroberten die mit Ägypten verbündeten Choresmier die Stadt und richteten unter der Bevölkerung ein Massaker an 8. Damit endete endgültig die christliche Herrschaft über Jerusalem – ein Verlust, den kein späterer Kreuzzug mehr wettmachen konnte.

Jerusalem 1244 – Das Ende der Vereinbarung
Im Jahr 1244 drangen die mit Ägypten verbündeten Choresmier – eine aus Zentralasien stammende Söldnertruppe – in das weitgehend unbefestigte Jerusalem ein. Die Stadt war nach dem Vertrag von Jaffa 1229 ohne Wehrmauern geblieben, und ihre Verteidigungskräfte waren minimal. Die Eroberer richteten ein Massaker unter der Bevölkerung an und plünderten systematisch die christlichen Heiligtümer.
Für viele zeitgenössische Beobachter war dies die bittere Bestätigung jener Warnungen, die bereits 1229 geäußert worden waren: dass eine unbefestigte und geteilte Stadt auf Dauer nicht zu halten sei.

Quellen

  1. Housley, Norman: The Later Crusades, 1274–1580, Einleitungskapitel zum 6. Kreuzzug.
  2. Abulafia, David: Frederick II: A Medieval Emperor, 1988.
  3. Loud, G. A.: „The Crusade of Frederick II“, in: Journal of Medieval History, 1986.
  4. Riley-Smith, Jonathan: The Crusades: A History, 2005, S. 192–195.
  5. Tyerman, Christopher: God’s War, 2006, S. 727–733.
  6. Barber, Malcolm: The Two Cities: Medieval Europe 1050–1320, zu Vertrag von Jaffa.
  7. Powell, James M.: Innocent III and the Crusaders, 1986.
  8. Runciman, Steven: A History of the Crusades, Vol. III, Kap. 17.
  9. Acta des IV. Laterankonzils, 1215.
 
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