1198-1204
Der Vierte Kreuzzug / Die Katastrophe von Konstantinopel
Der Vierte Kreuzzug (1202–1204) war ursprünglich eine fromme Mission: die Rückeroberung Jerusalems, das seit der Niederlage von 1187 1 wieder unter muslimischer Kontrolle stand. Doch das Unternehmen wurde zu einem der größten Skandale der mittelalterlichen Christenheit – nicht wegen einer Niederlage gegen den Islam, sondern weil Christen andere Christen bekämpften. Allerdings war es - liest man die Chroniken genau - nicht ausschließlich Verrat, sondern auch ein Streit um gebrochene Verträge - mit immensen Folgen.
Das Bündnis mit Venedig
Die Kreuzfahrer, vor allem aus Frankreich und dem Heiligen Römischen Reich, beschlossen, auf dem Seeweg ins Heilige Land zu gelangen. Dafür schlossen sie 1201 einen Vertrag mit der Handelsrepublik Venedig: Für den Transport von 33.500 Kreuzfahrern samt Pferden und Ausrüstung sollten die Venezianer Schiffe und Vorräte bereitstellen – gegen eine stolze Summe von 85.000 Silbermark
2.
Als sich 1202 in Venedig nur etwa ein Drittel der erwarteten Kreuzfahrer einfand, konnten die Anwesenden die vereinbarte Summe nicht aufbringen. Venedig, angeführt von Dogen Enrico Dandolo
3,
witterte eine Gelegenheit: Statt auf den Rest der Zahlung zu verzichten, bot er an, die Schulden zu erlassen – wenn die Kreuzfahrer ihm halfen, die Stadt Zara (heute Zadar in Kroatien) zu erobern. Zara war eine christliche Stadt, stand unter dem Schutz des ungarischen Königs (selbst Kreuzfahrer) und genoss den päpstlichen Schutz
4.
Papst Innozenz III.
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verbot den Angriff ausdrücklich – doch militärische Not und die Versuchung einer Begleichung der Schulden siegten über die päpstliche Autorität. Am 24. November 1202 fiel Zara. Papst Innozenz III. exkommunizierte daraufhin sowohl die Venezianer als auch die Kreuzfahrer – eine Strafe, die er später teilweise wieder aufhob, um den Kreuzzug nicht ganz scheitern zu lassen.
Intrige von Konstantinopel
Während sich das Kreuzfahrerheer neu formierte, trat eine weitere Versuchung auf: Der byzantinische Prinz Alexios Angelos
6,
Sohn des abgesetzten Kaisers Isaak II., bat um Hilfe, um den Thron von Konstantinopel zurückzuerobern. Die Verhandlungen führte auf fränkischer Seite
Markgraf Bonifatius von Montferrat, der Oberbefehlshaber des Kreuzzugs
12.
Bonifatius war kein Unbekannter in byzantinischen Kreisen – sein Bruder hatte eine Nichte des Kaisers geheiratet, und er kannte die politischen Strukturen am Hof. Unterstützt wurde er von
Balduin IX. von Flandern,
Ludwig von Blois
und dem venezianischen Dogen
Enrico Dandolo, der ein scharfes Auge auf Handelsvorteile hatte.
Alexios Angelos versprach:
- 200.000 Silbermark als Entschädigung
- militärische Unterstützung für den Kreuzzug ins Heilige Land
- Unterstellung der griechischen Kirche unter die Autorität des Papstes
Diese Zusagen klangen verlockend, da sie die drückenden Schulden bei Venedig tilgen und die ursprüngliche Kreuzzugsidee finanzieren konnten. Im Sommer 1203 segelte das Heer nach Konstantinopel, setzte Alexios an die Macht (als Alexios IV. neben seinem rehabilitierten Vater Isaak II.) und erwartete die Erfüllung der Vereinbarung. Doch das Reich war bankrott 7, die Bevölkerung misstrauisch bis feindselig gegenüber den „Lateinern“, und die geforderte Summe konnte nur teilweise aufgebracht werden.
Für die Kreuzfahrer war das nicht nur eine diplomatische Enttäuschung, sondern aus ihrer Sicht ein Vertragsbruch – besonders für Bonifatius, der seine Autorität und Glaubwürdigkeit aufs Spiel gesetzt hatte. Im Januar 1204 putschte der Hofadlige Alexios V. Dukas 8 und ließ Alexios IV. ermorden. Damit war der Bruch endgültig: Die Kreuzfahrer standen mit offenen Rechnungen vor den Toren einer Stadt, deren neue Führung weder zahlen noch kooperieren wollte.
Der Fall von Konstantinopel
Was folgte, war eine Entscheidung, die militärisch und finanziell vielleicht nachvollziehbar schien, moralisch jedoch verheerend war: die Belagerung und Eroberung Konstantinopels – und die hemmungslose Plünderung einer christlichen Metropole.
Im April 1204 begann die Belagerung. Nach erbittertem Kampf drangen die Kreuzfahrer in die Stadt ein. Es folgte ein dreitägiger Plünderungsrausch9:
Kirchen wurden geschändet, Heiligtümer zerstört, Schätze geraubt, Reliquien in den Westen verschleppt. Das „Lateinische Kaiserreich“ wurde errichtet, doch der Schock über den Verrat an der Einheit der Christenheit hallte jahrhundertelang nach.
Der Vierte Kreuzzug steht bis heute als Mahnmal eines innerchristlichen Skandals. Nicht der Islam, sondern Christen fügten der Ostkirche hier den größten Schaden zu – ein Trauma, das die Spaltung zwischen Ost und West bis heute prägt.
Der Vierte Kreuzzug hatte sein Ziel – die Befreiung Jerusalems – nie erreicht. Stattdessen vertiefte er die Spaltung zwischen Ost- und Westkirche10, ruinierte das Vertrauen und hinterließ Venedig als den eigentlichen Gewinner: Die Handelsrepublik sicherte sich wertvolle Stützpunkte und Handelsprivilegien im östlichen Mittelmeer11.
Zeitleiste Vierter Kreuzzug
Quellen:
- Runciman, Steven: A History of the Crusades, Vol. III. Cambridge University Press, 1954. ↩
- Tyerman, Christopher: God’s War: A New History of the Crusades. Belknap Press, 2006. ↩
- Phillips, Jonathan: The Fourth Crusade and the Sack of Constantinople. Jonathan Cape, 2004. ↩
- Madden, Thomas F.: Enrico Dandolo and the Rise of Venice. Johns Hopkins University Press, 2003. ↩
- Innozenz III., Epistolae, Reg. 2, Nr. 148. ↩
- Angold, Michael: The Byzantine Empire, 1025–1204. Longman, 1997. ↩
- Harris, Jonathan: Byzantium and the Crusades. Bloomsbury Academic, 2014. ↩
- Nicol, Donald M.: The Last Centuries of Byzantium, 1261–1453. Cambridge University Press, 1993. ↩
- Queller, Donald E. / Madden, Thomas F.: The Fourth Crusade: The Conquest of Constantinople. University of Pennsylvania Press, 1997. ↩
- Norwich, John Julius: Byzantium: The Decline and Fall. Penguin Books, 1996. ↩
- Madden, Thomas F.: Venice: A New History. Viking, 2012. ↩
- Villehardouin, Geoffrey de: De la Conquête de Constantinople (dt. Übers.). Primärchronik eines Teilnehmers; wichtige Passagen zu Bonifatius’ Rolle. ↩