1145-1149
Der Zweite Kreuzzug - Misserfolg vor Edessa
Der spektakuläre Erfolg des Ersten Kreuzzugs hatte Erwartungen geweckt – religiös wie politisch. Doch die neu gegründeten Kreuzfahrerstaaten wie das Königreich Jerusalem, das Fürstentum Antiochia und die Grafschaft Edessa lagen inmitten eines mehrheitlich muslimischen Umfelds und waren dauerhaft gefährdet. Die militärische Präsenz aus Europa war begrenzt, Nachschubwege waren lang, und politische Streitigkeiten zwischen den lateinischen Fürsten untergruben die Stabilität der Region.1
Im Jahr 1144 geschah das Unvermeidliche: Die wichtige Grenzfestung Edessa, das älteste der Kreuzfahrerstaaten, fiel an Imad ad-Din Zengi, den mächtigen Atabeg von Mossul und Aleppo. Es war die erste größere Rückeroberung durch islamische Kräfte – ein Schock für das christliche Europa. Die Nachricht verbreitete sich schnell und rief erneut eine Welle frommer Erregung hervor. Viele sahen darin ein Zeichen göttlichen Zorns über die Lauheit der Christen.2
Papst Eugen III. reagierte umgehend und rief 1145 zum Zweiten Kreuzzug auf – der erste Kreuzzug, der mit päpstlicher Bulle („Quantum praedecessores“) und konkreter strategischer Planung eingeleitet wurde. Um der Bewegung Autorität und religiösen Schwung zu verleihen, beauftragte er den berühmten Zisterziensermönch Bernhard von Clairvaux mit der Predigt. Bernhard durchzog Frankreich und das Reich, sprach vor Massen und rief mit großer emotionaler Kraft zur bewaffneten Buße auf. Seine Predigten trugen wesentlich zur Mobilisierung bei, auch wenn seine späteren Rechtfertigungsversuche für das Scheitern kritisch betrachtet wurden.3
Bernhard von Clairvaux ruft zum Kreuzzug
„Brüder, Ihr müsst nicht gegen Brüder kämpfen, sondern gegen die Feinde des Kreuzes.“
Bernhard versprach allen Teilnehmern Sündenvergebung – wie sie ursprünglich nur für Pilger oder unter harten Bedingungen galt. Der Kreuzzug wurde zur heiligen Bußtat erklärt, zur „Waffe der Gnade“, zur Möglichkeit, das Seelenheil im Kampf zu gewinnen.
Später, nach dem Scheitern, sah sich Bernhard massiver Kritik ausgesetzt. In einem Brief schrieb er resigniert:
„Wenn ich auch den Arm Gottes gerufen habe, so war es nicht in meiner Macht, ihn zu zwingen.“
Erstmals nahmen zwei gekrönte Häupter gemeinsam an einem Kreuzzug teil: Konrad III. von Deutschland und Ludwig VII. von Frankreich. Der Aufbruch 1147 war ein logistisches Mammutprojekt – doch es stand unter keinem guten Stern. Die deutschen Truppen unter Konrad litten schwer unter Hunger, Wetter und Angriffen der Seldschuken in Anatolien. Bei Doryläum (1147) wurden sie fast vollständig aufgerieben. Die Franzosen unter Ludwig erreichten zwar das Heilige Land, hatten aber ebenfalls Verluste und keinerlei strategischen Vorteil.4
In Jerusalem angekommen, war das ursprüngliche Ziel – die Rückeroberung von Edessa – längst nicht mehr realistisch. Stattdessen beschlossen die Kreuzfahrer einen Angriff auf Damaskus, das politisch instabil, aber bisher neutral gegenüber dem Königreich Jerusalem war. Der Angriff wurde nach nur wenigen Tagen abgebrochen – teils wegen der starken Verteidigung, teils wegen Misstrauens und Rivalität unter den Kreuzfahrern. Damit war der Zweite Kreuzzug praktisch gescheitert.5
Streitereien und Konkurrenz!
Der Zweite Kreuzzug scheiterte nicht nur an militärischen Hindernissen – auch das gegenseitige Misstrauen unter den christlichen Führern trug entscheidend zum Desaster bei. Konrad III. von Deutschland und Ludwig VII. von Frankreich reisten unabhängig voneinander und planten ihre Züge kaum abgestimmt. Konrad betrachtete sich als „römischer König“ dem französischen Monarchen überlegen, Ludwig hingegen beharrte auf seiner Autonomie. Beide empfanden sich als geistlich legitimiert und strategisch befähigt – Zusammenarbeit fand nur bruchstückhaft statt.
Im Heiligen Land trafen sie auf ein komplexes Geflecht aus einheimischen Kreuzfahrerfürsten. Balduin III. von JerusalemMelisende, der eigentlichen Regentin. Graf Raimund von Tripolis und Herzog Thierry von Lothringen versuchten parallel, eigene Machtzonen aufzubauen. Besonders der geplante Angriff auf Damaskus offenbarte die Rivalitäten offen: Manche verdächtigten Ludwig VII., dort ein eigenes Vasallentum errichten zu wollen. Andere hielten Damaskus für den „falschen“ Gegner – es war bislang ein Gegner Zengis gewesen. Am Ende wurde der Angriff nach nur vier Tagen abgebrochen – ohne militärische Not.
Das Fazit: Man scheiterte nicht nur an den Mauern von Damaskus, sondern an der eigenen Eitelkeit. Was als christliche Großoffensive begann, endete in taktischen Missverständnissen, politischem Gezänk und enttäuschter Hoffnung – ein Muster, das sich später wiederholen sollte.
Die Enttäuschung war groß: Nicht nur war das Ziel verfehlt worden – das Verhältnis zwischen Ost und West hatte sich verschlechtert, und der Nimbus des „heiligen Kriegs“ war angekratzt. Bernhard von Clairvaux, als Prediger und Ideengeber, musste sich harscher Kritik stellen und verwies auf die „Sünden der Teilnehmer“ als Ursache für das göttliche Missfallen. Der Kreuzzug hatte keine territorialen Gewinne gebracht, aber viele Tote, politische Spannungen und Zweifel an der Idee großer christlicher Allianzen im Kampf gegen den Islam. Er war das erste große Scheitern der Kreuzzugsbewegung – und ein Vorzeichen kommender Krisen.
Zeitleiste Zweiter Kreuzzug
- 1144: Fall der Grafschaft Edessa
- 1145: Aufruf zum Zweiten Kreuzzug
- 1147: Aufbruch der Heere
- 1148: Angriff auf Damaskus
- 1149: Rückzug der Kreuzfahrer
- Konrads Heer: 15.000–20.000 Kämpfer
- Ludwigs Heer: ca. 18.000 Teilnehmer
- Gesamt: wohl über 100.000 Menschen
- Verluste: über 70 % durch Kämpfe, Krankheit, Hunger
Quellen
- Hans Eberhard Mayer: Geschichte der Kreuzzüge, Stuttgart 2005, S. 137–148.
- Jonathan Riley-Smith: The Crusades. A History, London 2005, S. 84–91.
- Jean Flori: Bernard de Clairvaux et la Seconde Croisade, Paris 1998, S. 142–155.
- Thomas Asbridge: The Crusades – The War for the Holy Land, London 2010, S. 198–206.
- Christopher Tyerman: God’s War. A New History of the Crusades, London 2006, S. 268–279.